«Sie lassen meine Familie in Nicaragua nicht in Ruhe»

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Maya (Name geändert) ist 55 Jahre alt und ist bereits seit ein paar Jahren anerkannte Geflüchtete in den USA. Sie wohnt im Dezember 2024, als sie ihre Geschichte erzählt, in einem Frauenwohnheim in El Paso, Texas, an der Grenze zu Mexiko.

Hinweis: Maya erzählt in diesem Text über Gewalt, die sie auf ihrer Reise beobachtet hat.

Ich komme aus einem Vorort von Managua. Ein sehr armer Ort, wo ich höchstens 100 Dollar im Monat verdiente. Ich arbeitete in einer Fabrik, da schufteten wir bis 24 Stunden durch. Was wir verdienten, reichte gerade mal zum Essen. Ich pachtete ein Feld, um mein eigenes Essen zu ernten und dazuzuverdienen. Mit meinem Mann und zwei Kindern pflanzte ich Bananen, Limonen, Papaya, Mango und Wassermelonen.

Der Präsident von Nicaragua ist ein Diktator. Ich nahm an Demonstrationen teil, um gegen ihn zu protestieren. Damals, im April 2018 hat sich das ganze Land gegen Ortega gestellt, alle gingen wir demonstrieren. Doch das brachte mir Probleme ein. Die Polizei schlug mich. Sie schiessen während der Demonstrationen in die Menge. Bei Schüssen liefen wir um unser Leben. Einmal dauerte es einen ganzen Tag, bis ich wieder zu Hause war. Unterwegs musste ich mich verstecken.

Und nicht nur das. Wer an Demonstrationen teilnimmt, wird beobachtet und mit mir wurde meine ganze Familie beobachtet. Auch jetzt, da ich weg bin, lassen sie meine Familie nicht in Ruhe. «Warum ist deine Mutter weg? Schickt sie dir Geld?», fragen sie meine Tochter.

Ich reiste über Honduras, El Salvador, Guatemala und Mexiko in die USA. Auf der Flucht habe ich alles gesehen: Frauen, die vergewaltigt werden, ein junger Mann, der ermordet wurde. Sie haben ihn mit dem Auto überrollt. Dann kam ich nach Mexiko. Dort verlangt die Polizei Unmengen von Geld, damit sie dich weiterziehen lassen. An der mexikanischen Grenze wollten sie 350 Dollar, dann für die Durchquerungserlaubnis von Mexiko 300 Pesos.

Je weiter ich nach Norden kam, je öfter musste ich zahlen. Einmal will die Polizei 200 Dollar, einmal will die Migrationsbehörde 300 Dollar. Dann wurde unser Bus von einer kriminellen Bande angehalten und jede musste 100 Dollar zahlen. Doch so viel hatte ich dann nicht mehr, ich hatte nur noch 50 Dollar. Stell dir vor, da gaben mir die anderen Migranten Geld! Wer weiss, was die Bande sonst mit mir gemacht hätte.

Andere Migranten gaben mir Geld. Wer weiss, was die Bande sonst mit mir gemacht hätte.

Maya, Migrantin

Ich war gerettet, aber mein Geld war weg. Ich konnte für den Rest der Reise nur noch draussen schlafen. Die Kälte war furchtbar. An der US-Grenze ging ich zu den US-Migrationsbehörden. Sie verhörten mich die ganze Nacht lang. Ich habe Verwandte in North Carolina, aber die wollten mich nicht bei sich. Wenn man zu Verwandten kann, wäre es einfacher. Trotzdem durfte ich im Land bleiben. Sie gaben mir «parole», ich darf bis auf weiteres hier bleiben und arbeiten.

Zuerst arbeitete ich in einem Hotel. Zu Essen bekam ich nur die Reste der Gäste. Mein Chef dort hörte plötzlich auf, mich zu bezahlen. Irgend wann ging ich. Er schuldete mir noch lange das Geld für neuen Monate Arbeit. Inzwischen hat man mir zum Glück geholfen, es auf dem Gerichtsweg zurückzubekommen, Danach putzte ich für eine Frau und bekam 10 Dollar pro Stunde. 40 Dollar gab sie mir jeweils, obwohl ich immer mehr als vier Stunden arbeitete. Jetzt reinige ich hier im Frauenhaus. Man behandelt mich sehr gut und ich kann mich mit vielen der Frauen, die hier wohnen unterhalten, weil sie auch Spanisch sprechen.

Könnte dieses Land überhaupt überleben ohne Migranten? Ich möchte unbedingt arbeiten. Es fehlt mir nur noch die amerikanische Social Security Nummer. Ich sehe Leute hier, die haben alles, um legal zu arbeiten. Amerikaner. Aber sie wollen nicht arbeiten oder nicht so hart wie ich. Ich verpasse nie einen Termin. Ich gehe immer pünktlich zum Anwalt, zur Migrationsbehörde und zum Gericht.

Die von Migranten und Migrantinnen beschriebenen Zustände sind immer Momentaufnahmen. Die Vorgehensweise eines Staates gegenüber Migranten kann sich alle paar Monate ändern.

Titelbild: Grenzkontrolle der USA zwischen Ciudad Juarez (Mexiko) und El Paso (USA). Foto: Flurina Dünki

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