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Rosy Hernandez ist eine junge Frau aus Venezuela, die den gefährlichen Weg Richtung USA auf sich genommen hat. Im April 2023 befindet sie sich in einem improvisierten Zeltlager im mexikanischen Ciudad Juarez, nur ein paar Meter von der US-Grenze entfernt. Hier versucht sie, über die App «CBP one» einen ersten Anhörungstermin als Geflüchtete in den USA zu erhalten. Während des Gesprächs dröhnen hinter uns die Güterzüge, die hier die Grenze queren.

Ich bin hier in einem Camp voller Männer, aber das hat sich als Vorteil erwiesen. Sie beschützen mich. In Guatemala habe ich mit drei Migranten Freundschaft geschlossen und seither reisen wir als Gruppe. Sie haben super auf mich aufgepasst, als wir in Mexiko auf den Güterzug gestiegen sind. «Setzt dich hierher, duck dich, zieh deinen Fuss vom Rad weg!» Wenn wir schliefen, nahmen sie mich in die Mitte, damit mir nichts passieren kann.

Die Polizei und die Migrationsbehörde hier in Mexiko sind das Schlimmste. Immer musst du auf der Hut sein. Entweder wollen sie Schmiergeld von dir oder sie nehmen dich gleich fest.

Ich bin 32 und allein erziehende Mutter. Ich habe zwei Kinder. Zu Hause kümmerte ich mich zudem um meine Mutter und meine 19-jährige Schwester. Mein Grosser ist 15 Jahre alt und der Kleine fünf. Er war erst fünf Monate alt, als ich Venezuela verliess und nach Peru ging. Das war 2017. Drei Jahre war ich in Peru, danach zwei Jahre in Chile. In Peru lernte ich meinen Freund kennen. Mit ihm ging ich nach Chile. Nach einer Weile entschieden wir, in die USA zu gehen. Sein Bruder Luis lebt bereits dort und hat uns mit den Kosten der Reise geholfen.

Die Situation in Chile war OK. Das Geld ist dort richtig etwas wert, nicht, wie in Venezuela. Aber das Leben in Chile ist teuer. Vor allem die Gesundheit. Du musst für den Arzt und Medikamente unheimlich viel bezahlen. Sonst behandelt dich der Arzt nicht. Wenn du Arbeit willst, mit der du das alles bezahlen kannst, musst du legal im Land sein. Das war ich aber nicht. Aber richtig schlecht ging es uns nicht. Es war mein Freund, der zu seinem Bruder in die USA wollte. Und ich sagte: «ok, dann gehen wir.»

Nach einer Woche erreichten wir Kolumbien. Dort ging uns das Geld aus. Luis schickte uns Geld, mit dem wir die Plätze im Boot bezahlten, die uns zum Dschungel Darién an der Grenze Panamas brachten. Dort begann der Horror. Der Dschungel ist der absolute Albtraum. Ein einziges Labyrinth mit ewig feuchtem Boden und Schlammlöchern. Im lehmigen Boden musst du vier Stunden steil bergauf steigen und dann wieder steil bergab. Du musst den blauen Plastiktaschen nach, die um Bäume gebunden sind. Dann bist du auf dem richtigen Weg.

Als ich den ersten Fluss überqueren musste, bekam ich Panik. «Beruhige dich, du wirst das überstehen», sagte ich zu mir. Ich betete die ganze Zeit zu Gott. Als wir den Dschungel betraten, baten wir ihn symbolisch um Erlaubnis. Als wir nach vier Tagen aus dem Dschungel raus waren, weinte ich vor Glück. Ich hatte es durchgeschafft, ohne, dass mir etwas Schlimmes widerfahren war. Denn dort werden Frauen vergewaltigt, Menschen getötet. Auf der kolumbianischen Seite ging es noch. Es gibt sogar kolumbianische Ärzte im Dschungel, die dich versorgen. Aber auf der panamaischen Seite regiert das Verbrechen.

Wenn du aus dem Dschungel raus bist, bringen sie dich ins Flüchtlingslager der UNO. Danach durchquerten wir Costa Rica. Das war ganz friedlich. In Nicaragua bezahlten wir jemandem 90 Dollar pro Person für einen Platz in seinem Auto. Nach fünf Tagen waren wir an der Grenze zu Honduras. Bis zur mexikanischen Grenze lief alles ok. Aber hier behandelt dich die Migrationsbehörde furchtbar. Ein Buschauffeur sagte uns, zahlt mir das und das und ich fahre euch an den Beamten der Migra vorbei. Und dann liefert er uns trotzdem aus. Er hielt gleich neben einer Patrouille der Marine. «Zahlt uns 50 Dollar pro Kopf, sonst lassen wir euch nicht weiter», sagten die.

Vor allen Migrationsbüros in Tapachula standen sie Schlange. Aber du brauchst Papiere, um legal durchs Land zu reisen. Wir mussten erst mit dem Bus ins improvisierte Migrationsbüro viel weiter weg, weil sie in Tapachula so überlastet waren. Sie nahmen uns alles weg, nur ein Set von Kleidern liessen sie uns. Sie gaben uns Papiere für 30 Tage Aufenthalt. Wir schliessen uns einer Migrantenkarawane an, um sicherer nach Norden zu reisen. Ich sage dir, um 2 Uhr Nachts, wir schliefen unter freiem Himmel, überraschte uns plötzlich die Migra und erpresst Geld von uns. Sie piesacken dich die ganze Zeit. Je weiter nördlich du kommst, umso schwieriger wird es, dass Mexikaner dich in ihrem Auto mitnehmen. Sie sagen, man verhafte sie als Schlepper, wenn sie Migranten mitnehmen. Die Leute entschuldigen sich dafür auch bei uns: «Ich möchte dir aus ganzem Herzen helfen, glaub mir, aber mir sind die Hände gebunden.»

Dann, endlich, erreichten wir den Ort im Staat Oaxaca, wo die Güterzüge nach Norden fahren. Aufs Dach konnte ich nicht, davor hatte ich zu grosse Angst. Ich musste es in einen der offenen Güterwagons schaffen. Der Zug hält nicht in den Dörfern, er fährt einfach langsamer. Man muss raufspringen, während er am langsamsten fährt. Ich rannte los, umklammerte mit aller Kraft eine Stange, hievte mich rein. 12 Stunden fuhren wir in diesem Zug. Wir kamen in Tierras Blancas an. Dort fuhr ein anderer Güterzug, dessen Wagons aber alle verschlossen waren. Da musste ich aufs Dach. Wir kamen in Puebla an, wo wir ein paar Tage auf den nächsten Zug warten mussten. Da tauchten Polizisten auf, die Geld von uns wollten. «Geht’s euch noch gut, weshalb sollen wir euch Geld geben?», fauchten wir die an. Da machten sie Fotos von uns und schicken sie ihren Kollegen von der Migra.

Die Papiere, die sie dir in Mexiko geben, gelten nur für den Bundesstaat Chiapas, wo du über die Grenze kommst. Sie wollen nicht, dass du nach Norden gehst. Verlässt du Chiapas, bist du der Migra erneut ausgeliefert. Wir stiegen also auf den nächsten Güterzug. Auf einmal hält der, ich wusste erst gar nicht, warum. Ich hatte die Leute von der Migra draussen nicht gesehen. Ein Geschrei ging los: «Rennt, rennt!» Einige rannten los, andere schrien, Frauen und Kinder fingen an zu weinen. Dort fingen sie uns. Und karrten uns zurück nach Villahermosa, nahe der Grenze zu Guatemala. Sie warfen uns zurück. Nach allem, was wir auf uns genommen hatten. «Was machen wir jetzt nur?», fragte ich mich. Die Familien schliessen sie zusammen ein, uns getrennt. Aber es war gar kein richtiges Lager, es waren nur Büros. Fünf Tage war ich dort, ohne mich zu waschen. Mein Fuss war verletzt, aber sie weigerten sich, mich zum Arzt zu bringen. Nach fünf Tagen karrten sie uns zu einem Polizeiposten, wo sie uns erneut Papiere gaben. Mit diesen hatten wir 20 Tage Zeit, um über die nächste Grenze auszureisen.

Ja, die Migra hat uns darauf aufmerksam gemacht, dass wir in Mexiko Asyl beantragen können. Oder ein einjähriges humanitäres Visum. Aber alle sagen dir: «akzeptiere nichts in der Art von Mexiko. Das rächt sich, denn danach akzeptieren sie dich nicht mehr als Asylsuchende in den USA.» Wir hätten nach Osten gehen müssen Richtung Guatemala, aber natürlich liefen wir sofort wieder nach Norden. In einem Ort war der Zug defekt. Wir handelten mit einem Buschauffeur einen Preis aus, der erste, den er uns nannte, war verrückt! Und dann liefert uns doch der ebenfalls der Migra aus!

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