Juan Angel aus Venezuela sitzt im April 2023 mit seinen beiden Töchtern in einem Zelt in einer von Geflüchteten improvisierten Zeltlandschaft nur ein paar Meter der US-Grenze entfernt. In ein paar Tagen, hatte Präsident Biden angekündigt, wird die durch Covid eingeschränkte Zahl an Anhörungen für Geflüchtete aufgelöst. Im Camp herrscht Unruhe. Werden künftig mehr Termine für Anhörungen vergeben oder wird die temporäre Covid-Regel durch eine neu geschaffene, noch restriktivere Norm ersetzt?
Ich bin aus San Cristóbal in Venezuela, nahe der kolumbianischen Grenze. Ich bin vor vier Monaten mit meiner Frau und zwei Töchtern hier angekommen. Wir gingen vor über einem Jahr aus Venezuela weg. Wir haben den furchtbaren Dschungel Darién an der Grenze von Kolumbien und Panama durchquert. Der Marsch durch den Dschungel ist lebensfeindlich. Keiner der Migranten ist vertraut mit dieser Vegetation. Als wir durchgingen, hat es dauernd geregnet, das machte alles noch schlimmer. Die Flüsse treten über die Ufer, der Pfad wird zu flüssigem Schlamm und schwemmt dich weg.
Vom ersten bis zum letzten Schritt riecht es im Darién nach Tod. Es dauerte zehn Tage, bis wir durch waren. Ich habe auf dem Weg viele Leichen gesehen. Wenn von einer Familie jemand stirbt, können sie die Person nicht einmal richtig begraben. Man darf damit keine Zeit verlieren und hat auch keine Werkzeuge. Tote werden von den Krokodilen gefressen.
Dazu kommen die Überfälle von Banden. Auch uns haben sie überfallen. Es waren kolumbianische Paramilitärs. Als wir rauskamen, brachte man uns zu UNO-Einrichtungen, doch die waren furchtbar. Es hat keine Toiletten, kein Wasser, um sich zu waschen. Wir alle hatten Erbrechen und Durchfall, als wir ankamen, denn man muss unterwegs das Wasser aus dem Fluss trinken. Wir gingen so schnell wie möglich weiter.
Im Darién mussten wir Wasser aus dem Fluss trinken. Wir hatten Erbrechen und Durchfall
Juan Angel, Migrant
Wir brauchten 10 Tage, um nach Panama Stadt zu gelangen. Auf dem Weg erholten wir uns wieder. Zum Glück haben uns viele Menschen geholfen. Sie gaben uns Essen und manche liessen uns gar bei ihnen wohnen. Im Auto mitnehmen konnte uns jedoch niemand, denn Panama droht mit hohen Strafen, wenn man Migranten mitnimmt und macht die Leute zu Schleppern.
In Venezuela gibt es keine Demokratie, keine Gewaltenteilung, keinen Rechtsstaat. Die Chinesen sind dort sehr präsent, dazu Russen und Iraner. Sie holen sich alle Bodenschätze. Erdöl, Gold, Uran, Coltan. Es gibt keine freie Meinungsäusserung in Venezuela. Wir sind praktisch aller unserer Rechte beraubt.
Wir suchen deshalb ein besseres Leben in einem anderen Land. In vielen Länder, die wir durchquerten, sind die Sicherheitskräfte genauso brutal zu dir wie in Venezuela. Hier in Mexiko sind das die Polizei, das Militär und die Migrationsbehörde. Wir überquerten die Grenze in Tapachula, von dort reisten wir nach Mexico City und von dort bestiegen wir den Bus nach Matamoros an der US-Grenze. Uns Migranten verkaufen sie die Tickets viel teurer als Mexikanern. Kostet ein Billett 50 Dollar, verkaufen sie es uns in 150 Dollar. Wir sind grosses Business für viele hier im Land.
In der CBP one – App gibt es täglich nur ein Zeitfenster von ein paar Minuten.
Juan Angel, Migrant
Unterwegs bestiegen Leute der Migrationsbehörde den Bus, begleitet durch Militär. Sie verlangten 250 Dollars, damit sie uns weiterziehen lassen. Da wir nicht so viel Geld hatten, nahmen sie unsere Durchquerungspapiere weg, zerrissen sie und sperrten uns ein. Wir verbrachten fünf Tage getrennt eingesperrt in Tampico, sogar am Weihnachtstag. Als sie uns rausliessen, nahmen wir einen Bus in eine andere Richtung und landeten hier in Juarez. Hier versuchen wir nun, mit der App «CBP one» in den USA einen Anhörungstermin als Asylsuchende zu bekommen. Das ist aber sehr schwierig, da es täglich nur ein Zeitfenster von ein paar Minuten gibt, in dem die App funktioniert.
Hier in Mexiko ist alles sehr langsam und verwirrend. Die Migrationsbehörde sperrt Leute ein, die keine Aufenthaltspapiere haben, aber die sind schwer zu bekommen und es dauert ewig. Wenn Leute aufgegriffen werden, können sie nichts dafür. Täglich hört man Gerüchte von wegen es komme ein Lieferwagen, der Migranten rüberbringt oder Gerüchte, die besagen, dass sie uns durchlassen. Täglich ändern die sich. Ich höre nicht mehr darauf, ich mache mich nicht zum Opfer von Gerüchten.
In Mexiko gibt es sehr viele gute Menschen. Es kommen täglich Menschen in unser improvisiertes Camp, die uns Essen bringen. Das Gute existiert in Mexiko. Aber was ich von der Regierungsseite erlebt habe, macht mir Angst. Angst, die mich um mein Leben und das meiner Familie fürchten lässt. Ich möchte sie in die USA bringen, wo mehr Stabilität herrscht. Alle hier im Camp haben wir dieselbe Hoffnung. Alle wollen wir der miserablen Situation unserer Länder entfliehen.